14. Juni 2026 · aktualisiert am 17. Oktober 2026 Regulierung

EU AI Act Checkliste: Infrastruktur-Anforderungen für Hochrisiko-KI-Systeme

Von Thorsten Litzki · Litzki Systems LLC

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Kernaussagen

  • •  Die Pflichten für Hochrisiko-KI nach Annex III gelten ab dem 2. Dezember 2027, für Annex I ab dem 2. August 2028 (VO (EU) 2026/1744).
  • •  Die technischen Anforderungen an Robustheit und Cybersicherheit stehen in Art. 15, nicht in Art. 50. Art. 50 regelt Transparenz gegenüber Personen und gilt seit dem 2. August 2026 unabhängig von der Risikoklasse.
  • •  Die Konformitätsbewertung (Art. 43) stützt sich auf die technische Dokumentation nach Art. 11 und Annex IV.
  • •  Ein externer Scan wie CERTavia deckt nur die öffentlich sichtbare Infrastruktur ab (TLS, DNSSEC, Header, E-Mail-Authentifizierung) und ersetzt keine Konformitätsbewertung.

Schritt 1: Bin ich betroffen? — Annex III Prüfung

Ein KI-System ist nach Art. 6 EU AI Act hochriskant, wenn es entweder als Sicherheitskomponente eines Produkts unter die in Annex I genannten Harmonisierungsvorschriften fällt (z. B. Medizinprodukte, Maschinen) oder in einem der Bereiche aus Annex III eingesetzt wird. Die Pflichten dieser Checkliste treffen in erster Linie den Anbieter des Systems; Betreiber haben eigene Pflichten nach Art. 26.

Typische Annex III-Kategorien:

  • Biometrische Systeme (Identifizierung, Kategorisierung, Emotionserkennung)
  • KI in kritischer Infrastruktur (Energie, Wasser, Verkehr)
  • KI im Bildungsbereich (Bewertung, Zulassung)
  • KI in der Beschäftigung und Arbeitsvermittlung (Screening, Beurteilung)
  • KI für wesentliche private und öffentliche Dienstleistungen (Kredit, Versicherung)
  • KI in Strafverfolgung und Migrationskontrolle
  • KI in der Rechtspflege

Unsicher, ob Sie betroffen sind? Der CERTavia Schnelltest hilft bei der Einschätzung.

Schritt 2: Checkliste Art. 9 — Risikomanagementsystem

Art. 9 verlangt ein dokumentiertes Risikomanagementsystem über den gesamten Lebenszyklus des KI-Systems.

Risikoidentifikation und -analyse für alle bekannten und vorhersehbaren Risiken
Risikomanagement-Maßnahmen dokumentiert und umgesetzt
Residualrisiken bewertet und akzeptiert oder mitigiert
Risikomanagementsystem wird laufend aktualisiert (Post-Market Monitoring)

Schritt 3: Checkliste Art. 15 — Genauigkeit, Robustheit, Cybersicherheit

Art. 15 verlangt, dass Hochrisiko-KI-Systeme ein angemessenes Maß an Genauigkeit, Robustheit und Cybersicherheit erreichen. Die Verordnung nennt keine einzelnen Protokolle; die folgenden Prüfpunkte sind gängige technische Maßnahmen für die Infrastruktur, auf der das System betrieben wird:

Cybersicherheit der Infrastruktur

TLS 1.2 oder 1.3 auf allen produktiven Endpunkten — keine veralteten Protokollversionen
Starke Cipher-Suites (ECDHE, AES-GCM) — keine RC4, DES, 3DES
DNSSEC für alle relevanten Domains aktiviert und vollständig validiert
HTTP Security Header implementiert: HSTS, CSP, X-Frame-Options, Referrer-Policy
E-Mail-Sicherheit: SPF, DKIM, DMARC mit Enforcement-Policy (reject oder quarantine)

Robustheit und Verfügbarkeit

Failover- und Redundanzkonzept dokumentiert
Back-up-Pläne für kritische KI-Komponenten vorhanden
Nachweis über Infrastruktur-Zustand zu einem definierten Stichtag verfügbar

Der CERTavia-Scan prüft die von außen sichtbaren Punkte dieser Liste für eine öffentliche Domain: TLS-Konfiguration, DNSSEC, HTTP-Sicherheits-Header sowie SPF, DKIM und DMARC (Cluster A). Cipher-Details interner Endpunkte, Failover und Back-ups sind von außen nicht prüfbar. Wie stark Messwerte externer Prüfungen schwanken können, zeigt unsere eigene Domain: certavia.org erreichte in 38 Scans zwischen 06.08. und 12.10.2026 in Cluster A mal 95, mal 100 Punkte. Ein Scan dokumentiert einen datierten Zustand.

Abgrenzung: Art. 50 (Transparenz)

Art. 50 ist keine Hochrisiko-Pflicht, sondern gilt seit dem 2. August 2026 für bestimmte KI-Systeme unabhängig von ihrer Risikoklasse: etwa der Hinweis, dass Nutzer mit einem KI-System interagieren, oder die Kennzeichnung synthetischer Inhalte. Welche Pflicht in welchem Absatz steht und wen sie trifft, ist im Glossar zugeordnet. TLS, DNSSEC oder Header verlangt Art. 50 nicht.

Schritt 4: Checkliste Art. 17 — Qualitätsmanagementsystem

QMS-Dokumentation erstellt und aktuell gehalten
Daten-Governance-Prozesse definiert (Trainings-, Validierungs-, Testdaten)
Änderungsmanagement für KI-Modelle und Infrastruktur dokumentiert
Post-Market Monitoring-System etabliert

Schritt 5: Checkliste Art. 43 — Conformity Assessment Dossier

Das Conformity Assessment Dossier (CAD) ist kein Begriff der Verordnung, sondern unsere Bezeichnung für die Unterlagen, auf die sich die Konformitätsbewertung nach Art. 43 stützt: vor allem die technische Dokumentation nach Art. 11 und Annex IV. Sie muss Marktaufsichtsbehörden auf Anfrage vorgelegt werden können.

Systembeschreibung und Anwendungsbereich des KI-Systems
Technische Dokumentation (Architektur, Daten, Methoden)
Risikomanagementsystem-Dokumentation (Art. 9)
Nachweise zu Robustheit und Cybersicherheit (Art. 15), z. B. ein datierter Infrastruktur-Scan
Betriebsanleitung und Informationen für Betreiber (Art. 13)
EU-Konformitätserklärung (Art. 47)

Zeitplan: Was gilt ab wann?

Der EU AI Act (VO (EU) 2024/1689) ist am 1. August 2024 in Kraft getreten. Verbotene Praktiken (Art. 5) und KI-Kompetenz (Art. 4) gelten seit dem 2. Februar 2025, die Pflichten für GPAI-Modelle seit August 2025, die Transparenzpflichten aus Art. 50 seit dem 2. August 2026. Die Übergangsfrist für Hochrisiko-KI nach Annex III wurde per Verordnung (EU) 2026/1744 („Digital Omnibus on AI“, verkündet am 24. Juli 2026, in Kraft seit dem 27. Juli 2026) auf den 2. Dezember 2027 verschoben (Annex I auf den 2. August 2028). Für generative KI-Systeme, die vor dem 2. August 2026 in Verkehr gebracht wurden, endet die Übergangsfrist für Art. 50 Abs. 2 am 2. Dezember 2026 (nur Anbieter). Ab dem jeweiligen Datum müssen Systeme nachweislich compliant sein, bevor sie auf dem EU-Markt eingesetzt oder in Betrieb genommen werden.

Für Hochrisiko-Systeme nach Annex III bleibt damit Zeit bis Dezember 2027. Die Konformitätsbewertung muss aber vor dem Inverkehrbringen abgeschlossen sein; technische Nachweise sollten deshalb ein Datum tragen, das vor diesem Zeitpunkt liegt. Stand dieser Übersicht: 17. Oktober 2026; die kanonische Zeitleiste steht auf EU AI Act.

Nächste Schritte

Die Punkte aus Art. 9, 11, 17 und 43 sind Organisations- und Dokumentationsarbeit, die kein Scan abnimmt. Automatisiert prüfbar ist der externe Teil von Art. 15: In unserem Benchmark erreichte keine der 567 Messungen in zehn Branchenlisten die CERTIFIED-Schwelle (Juni-Messungen, siehe Korrekturhinweis). Am häufigsten scheitert es an Cluster F: Er liegt in allen zehn Listen im Median bei 0.

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